Wenn Zuchtmerkmale zur Qual werden
Seit Jahrhunderten verändert der Mensch durch gezielte Zucht das Aussehen und die Eigenschaften von Tieren. Dabei sind zahlreiche Rassen und Zuchtformen entstanden. Doch meist steht nicht die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere im Vordergrund.
Besonders problematisch wird es, wenn das gewünschte Aussehen mit körperlichen Schäden verbunden ist. Bei manchen Merkmalen ist offensichtlich, dass sie den Tieren nicht gut tun, z. B. wenn die Tiere schlecht Luft bekommen, weil ihre Schnauze zu kurz ist. Manchmal führt Zucht auch zu Erbkrankheiten, die erst später auftreten oder von aussen kaum erkennbar sind.
Hunde: Wenn Atmen zur Anstrengung wird
Bei Mops, Französischer Bulldogge und anderen kurzköpfigen Hunden ist die Schnauze stark verkürzt. Dadurch sind die Atemwege häufig verengt. Die Tiere bekommen schlecht Luft, sind weniger belastbar und können ihren Körper bei Wärme schlechter abkühlen. Was viele Menschen als typisches Schnarchen oder Röcheln wahrnehmen, ist oft ein Zeichen von Atemnot.
Auch andere extreme Zuchtmerkmale können Probleme verursachen. Übermässige Hautfalten begünstigen Entzündungen, während bestimmte Körperformen die Gelenke und die Wirbelsäule belasten oder eine spezielle Fellzeichnung dazu führen kann, dass der Hund taub ist.
Katzen: Niedliches Aussehen mit schmerzhaften Folgen
Bei Katzen gibt es zahlreiche Zuchtmerkmale, die mit gesundheitlichen Problemen verbunden sind. Manche verursachen chronische Schmerzen, andere schränken die Bewegungsfreiheit oder die Sinneswahrnehmung ein.
-
Faltohren
Die gefalteten Ohren von Scottish Fold und verwandten Zuchtformen entstehen durch eine Genmutation, die den Knorpel im gesamten Körper verändert. Dadurch entwickeln die Katzen schmerzhafte Gelenkerkrankungen. Oft bewegen sie sich weniger, vermeiden Sprünge und leiden bereits in jungen Jahren unter Schmerzen.
-
Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie)
Bei vielen Perserkatzen, Exotic Shorthair und anderen kurzköpfigen Katzen ist der Gesichtsschädel stark verkürzt. Dadurch können die Atemwege verengt sein und die Tiere bekommen wie Mops und Bulldoggen schlechter Luft. Auch der Tränenabfluss ist häufig beeinträchtigt, was Augenentzündungen begünstigt. Hinzu kommen Zahnfehlstellungen, die Schmerzen und Probleme beim Fressen verursachen können.
-
Haarlosigkeit
Nacktkatzen wie die Sphynx besitzen kein schützendes Fell. Dadurch sind sie empfindlicher gegenüber Kälte, Sonne und Verletzungen. Sie haben einen erhöhten Energiebedarf und neigen zu Hautproblemen. Häufig fehlen ihnen zudem die Tasthaare oder diese sind stark verkümmert.
-
Verkümmerte Tasthaare (Vibrissen)
Bei Rexkatzen sind die Tasthaare häufig gekräuselt, verkürzt oder brüchig. Teilweise fehlen sie ganz. Doch diese Haare sind wichtige Sinnesorgane: Sie helfen Katzen, ihre Umgebung wahrzunehmen, Gegenstände zu erkunden und sich zu orientieren. Sind sie stark verkümmert oder fehlen sie, ist die Wahrnehmung der Tiere eingeschränkt.
-
Kurzschwänzigkeit
Bei bestimmten Zuchtformen wie der Manx ist der Schwanz stark verkürzt oder fehlt ganz. Die genetische Veränderung kann auch Fehlbildungen der Wirbelsäule verursachen. Diese können zu Schmerzen, Bewegungsstörungen und Problemen beim Urin- und Kotabsatz führen. Zudem benötigen Katzen ihren Schwanz zum Balancieren und zur Kommunikation.
-
Kurzbeinigkeit
Die stark verkürzten Beine von Munchkin-Katzen und verwandten Zuchtformen schränken die Bewegungsfreiheit ein. Die Tiere können nicht mehr normal springen und klettern. Zudem kann die veränderte Körperform zu schmerzhaften Fehlbelastungen und Gelenkproblemen führen.
-
reinweisses Fell
Die gezielte Zucht auf reinweisses Fell kann mit einem erhöhten Risiko für angeborene Schwerhörigkeit oder Taubheit verbunden sein. Besonders häufig sind Katzen mit blauen Augen betroffen, doch auch Tiere mit anderen Augenfarben können taub sein. Ursache ist eine genetisch bedingte Schädigung des Innenohrs. Nicht jede weisse Katze ist davon betroffen.
Kaninchen und andere Haustiere: Verstecktes Leiden
Die hängenden Ohren von Widderkaninchen sehen für viele Menschen niedlich aus. Doch durch die veränderte Ohrform sind die Gehörgänge häufig verengt. Ohrenschmalz kann sich ansammeln und schmerzhafte Entzündungen begünstigen. Da Kaninchen Schmerzen meist wenig deutlich zeigen, bleiben solche Erkrankungen oft lange unbemerkt.
Vielen kleinen Haustieren wurde ein längeres Fell angezüchtet. Leider können sie ihr Fell nun aber nicht mehr selbstständig sauber halten, es verfilzt und unter den Fellplatte entwickeln sich schmerzhafte Entzündungen.
Auch bei den Reptilien gibt es durch die sogenannte Morphenzucht immer wieder Tiere, die unter schweren Missbildungen und neurologischen Störungen leiden (z. B. Enigma und Wobbler-Syndrom).
Nutztiere: Gezüchtet auf Höchstleistung
Bei Nutztieren steht häufig nicht das Aussehen, sondern eine möglichst hohe Leistung im Vordergrund. Masthühner werden beispielsweise auf besonders schnelles Wachstum gezüchtet. Das kann zu schmerzhaften Beinschäden und Herz-Kreislauf-Problemen führen.
Auch bei Milchkühen kann die Zucht auf sehr hohe Milchleistungen mit gesundheitlichen Problemen verbunden sein, die einer frühen Schlachtung führen. Die Gesundheit und Belastbarkeit der Tiere müssen deshalb auch in der Leistungszucht Vorrang haben.
Das Leiden wird oft nicht erkannt
Ein grosses Problem der Qualzucht ist, dass viele Beschwerden als rassetypisch oder normal angesehen werden. Röcheln beim Hund, wenig Bewegung bei der Faltohrkatze oder häufige Ohrenentzündungen beim Widderkaninchen werden oft nicht mit der Zucht in Verbindung gebracht - wenn sie überhaupt als Problem erkannt werden.
Doch nur weil ein Merkmal bei einer Rasse häufig vorkommt, ist es noch lange nicht gesund. Tiere können unter angezüchteten Einschränkungen leiden, selbst wenn sie auf den ersten Blick gesund wirken.
Qualzuchtverbot: Wo bleibt der Vollzug?
Obwohl Qualzucht in der Schweiz seit 2008 gesetzlich verboten ist, werden weiterhin Tiere mit belastenden Merkmalen gezüchtet. Das liegt auch daran, dass die bestehenden Vorschriften nur schwer kontrolliert und durchgesetzt werden können.
-
Viele Zuchten bleiben unbekannt
Nur wer Tiere in grösserem Umfang züchtet (z. B. mehr als 20 Hunde- oder Katzenwelpen, mehr als 100 Kaninchen), benötigt eine kantonale Bewilligung. Da die gesetzlichen Grenzwerte hoch angesetzt sind, bleiben viele kleinere Zuchten den Veterinärämtern unbekannt. Kontrollen sind dadurch kaum möglich.
-
Belastungen werden nicht ausreichend kontrolliert
Tiere mit Merkmalen, die zu mittleren oder starken Belastungen führen können, müssen vor der Zucht von einer Fachperson untersucht werden. Doch nicht alle Züchter*innen kennen diese Pflicht oder halten sich daran. Zudem beauftragen sie die Fachpersonen selbst, was Interessenkonflikte und zu wohlwollende Gutachten begünstigen kann.
-
Aufwendige Einzelfallentscheidungen
Nur wenige Zuchtformen, beispielsweise Tanzmäuse, sind ausdrücklich verboten. Bei den meisten anderen müssen die Belastungen der einzelnen Tiere beurteilt werden. Das erfordert viel Fachwissen, Zeit und Personal.
Die zuständigen Veterinärämter verfügen jedoch nur über begrenzte Ressourcen. Dadurch bleiben Verstösse gegen die Zuchtvorschriften häufig unentdeckt und ohne Konsequenzen. Das bestehende Qualzuchtverbot kann seine Wirkung so kaum entfalten.