Fakten
 

Leiden für die Menschheit

Viele Millionen von Tieren leiden und sterben weltweit jährlich in Tierversuchen. Dabei dient das Versuchstier fast immer als Modell für den Menschen, das heisst, die Erkenntnisse werden danach auf den Menschen übertragen. Es gibt kaum einen Bereich unseres Lebens, für den keine Versuchstiere als Forschungs- und Testobjekte herhalten müssen.

 

Die Zahlen in der Schweiz

In der jährlichen Tierversuchsstatistik ist die Entwicklung der Tierzahlen ab 1983 ersichtlich. Die Gesamtanzahl Versuchstiere betrug 1983 fast 2 Millionen, erreichte im Jahr 2000 einen Tiefstand von ca. 566'000 und stieg dann wieder an bis auf etwas über 726'000 im Jahr 2007. Zahlenmässig machen Mäuse und Ratten den Löwenanteil aller Versuchstiere aus. Diese beiden Nagerarten lösen bei vielen Menschen kein ausgeprägtes Mitgefühl aus. Für ein Versuchstier, das leidet, zählt jedoch nicht, ob es als Hund oder als Maus leidet; es leidet einfach.

 

Von Krebsforschung bis Putzmittel

Tierversuche lassen sich in mehr oder weniger begrenzte Bereiche einteilen. Die Hauptbereiche mit dem grössten Tierverbrauch sind die folgenden:

  • Die Grundlagenforschung gehört zu demjenigen Bereich, in dem am meisten Tierversuche gemacht werden. Ihr Ziel ist der Gewinn von Erkenntnissen und von Verständnis biologischer Abläufe. Im Gegensatz zur angewandten Forschung ist dabei noch nicht klar, ob und wie dieses Wissen Mensch oder Tier nützen wird.In erster Linie werden Mäuse und Ratten, aber auch andere Nager, Kaninchen, Hunde, Katzen, Amphibien, Vögel, landwirtschaftliche Nutztiere und Affen verwendet.
    Beispiel: Bei Ratten wird die Blutzufuhr zum Hirn kurzzeitig unterbrochen, um dann die Auswirkungen zu untersuchen.

  • Die Entdeckung, Entwicklung und Qualitätskontrolle von Medikamenten und anderen Therapien ist ein weiterer Forschungsbereich, der eine gewaltige Zahl an Versuchstieren benützt. Auch hier sind es zum grössten Teil Mäuse und Ratten; ausserdem Meerschweinchen, Kaninchen, Hunde, Katzen und Affen, die zum Einsatz gelangen.
    Beispiel: Mäusen wird ein Tumor eingepflanzt. Danach wird mit einem neuen Krebsmedikament behandelt, um dessen Wirkung zu studieren und zu optimieren.

  • In der Toxikologie (Schutz von Mensch, Tier und Umwelt) wird die Giftigkeit von Substanzen geprüft. Alle neuen Chemikalien müssen von Gesetzes wegen auf ihre mögliche schädigende Wirkung geprüft werden. Putzmittel gehören genauso dazu wie beispielsweise Botox. Dafür wird jährlich eine riesige Zahl an Mäusen, Ratten, Meerschweinchen, Hunden, Katzen und Fischen geopfert.
    Beispiel: Mäusen wird mit einer Sonde eine Substanz in verschiedenen Dosen in den Magen eingegeben. Dann wird die Dosis bestimmt, bei der die Hälfte der Mäuse stirbt. Dieses Verfahren heisst LD50.

  • In der bio-medizinischen Aus- und Weiterbildung werden ebenfalls Versuchstiere eingesetzt. Sei es zum Sezieren oder zur Aneignung von Fertigkeiten im Bereich der Chirurgie. Hierbei nutzt man wiederum alle möglichen Arten von Versuchstieren, je nach Ziel der Ausbildung.
    Beispiel: In der Weiterbildung in Chirurgie werden operative Eingriffe an Schweinen geübt.

 

Das Bewilligungsverfahren für Tierversuche

Das Schweizerische Tierschutzgesetz verbietet ganz allgemein das ungerechtfertigte Quälen von Tieren:

 

„Niemand darf ungerechtfertigt einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten. Das Misshandeln, Vernachlässigen oder unnötige Überanstrengen von Tieren ist verboten." Art. 4 Abs. 2 TSchG

 

Aus diesem Grund braucht es für Tierversuche sozusagen eine Ausnahmebewilligung. In einem ausführlichen Gesuch müssen Forschende ihr Vorhaben darlegen, die Arbeitsmethoden erläutern, die daraus entstehenden Belastungen für die Versuchstiere abschätzen und den Gewinn oder Nutzen aus den Belastungen begründen.

 

Das Bewilligungsgesuch wird von der Kantonalen Tierversuchskommission begutachtet, wo nötig werden Rückfragen gestellt. Kommt die Kommission zum Schluss, dass das Gesuch bewilligt werden kann, stellt sie einen entsprechenden Antrag an das Kantonale Veterinäramt, welches das Gesuch seinerseits auch studiert hat. Oftmals verlangt sie Auflagen und Einschränkungen zum besseren Schutz der Tiere. Die formelle Bewilligung wird vom Veterinäramt erteilt.

 

Hält die Kommission ein Gesuch für nicht bewilligungsfähig, beantragt sie seine Rückweisung oder Ablehnung. Das Veterinäramt kommt dem jeweiligen Antrag der Kommission in den meisten Fällen nach. Entscheidet es anders, muss es dies der Kommission gegenüber begründen.

 

Vier Belastungskategorien

Tierversuche werden in vier sogenannte Schweregrade eingeteilt:

  • Unter Schweregrad 0 fallen Eingriffe und Handlungen an Versuchstieren, durch die den Tieren keine Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwere Angst zugefügt werden und die ihr Allgemeinbefinden nicht erheblich beeinträchtigen.
    Ein Beispiel dafür ist das Töten von Tieren zur anschliessenden Untersuchung von Gewebe, ohne dass die Tiere vorher in einer Weise manipuliert oder behandelt worden sind.

  • Der Schweregrad 1 bezeichnet Handlungen, die eine leichte, kurzfristige Belastung, also Schmerzen oder Schäden, beim Versuchstier bewirken.
    Ein Beispiel ist das Spritzen einer Substanz in die Bauchhöhle, bei dem man das Tier (Maus, Hamster) im Zwangsgriff hält.

  • Als Schweregrad 2 gelten Eingriffe, die entweder über kurze Zeit eine mittlere Belastung oder für längere Zeit eine leichte Belastung mit sich bringen.
    Als Beispiele sollen hier das Implantieren von Elektroden ins Gehirn oder Reizüberflutung durch Dauerlicht bei Ratten erwähnt werden.

  • Handlungen an Versuchstieren werden in Schweregrad 3 eingeteilt, wenn sie eine sehr schwere Belastung oder eine mittelgradige Belastung über längere Zeit bewirken.
    Beispiele dafür sind Organtransplantationen und Versuche, bei denen Mäuse Arthritisschübe erleiden, ohne dass ihnen Schmerzmittel verabreicht wird. Übrigens gehört auch die Qualitätskontrolle jeder einzelnen Produktionseinheit Botox, das nur der Schönheit dient, in den Schweregrad 3.

 

Schwierige Güterabwägung

Je höher der Schweregrad, desto höher sollte – zumindest theoretisch - auch der Erkenntnisgewinn eines Versuchs sein. Denn aus ethisch-moralischer Sicht ist es nicht vertretbar, eine hohe Belastung der Versuchstiere in Kauf zu nehmen, wenn der Erkenntnisgewinn nur klein oder gar unwahrscheinlich ist. Und gewisse Leidenszustände sind Tieren überhaupt nicht zumutbar, unabhängig davon, ob der Erkenntnisgewinn und der Nutzen für den Menschen sehr gross wären.

 

Das gegenseitige Abwägen des Nutzens für den Menschen und Schadens für die Versuchstiere nennt man Güterabwägung. Mit ihr soll der Interessenkonflikt zwischen Mensch und Tier möglichst gerecht gelöst werden. Die Güterabwägung ist aber schwierig und bewirkt immer wieder Meinungsverschiedenheiten, v.a. zwischen Tierschützern und Forschern. Denn da sie kein herkömmliches Wägen ist, sondern ein Stück weit auch philosophische Fragen aufwirft, spielt auch der grundsätzliche Standpunkt mit hinein (Einstellung zum Leben generell sowie zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier). In dieser vertrackten Situation einen Konsens zu finden, ist unter anderem Aufgabe der Kantonalen Tierversuchskommission.

Siehe dazu auch Wir helfen!

 

Leidensfähige Individuen

Nacktmaus
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Unsere Position

Positionspapier Zürcher Tierschutz zu Tierversuchen und Alternativmethoden (September 2017)