Tierschutz und Ethik
 

Tierschutz nur im Kleingedruckten

Die Jagd erfordert einen hohen ethisch-moralischen Standard. Jägerinnen und Jäger sollten Besonnenheit, Zurückhaltung und manchmal auch Verzicht üben. Jagdethik beinhaltet das Bewusstsein, dass die Tätigkeit in erster Linie eine Hilfsfunktion beim staatlichen Wildtiermanagement darstellt und eigennützige Motive fehlt am Platz sind. Ein Widerspruch zu einem moralisch vertretbaren Jagdwesen ist die politische und gesellschaftliche Instrumentalisierung von Wildtieren, wie sie die aktuelle Grossraubtier- und insbesondere Wolfsdebatte eindrücklich zeigt.

 

Tierschutz- und Jagdgesetz „beissen sich“

Die allgemeinen Tierschutzbestimmungen im Tierschutzgesetz gelten grundsätzlich auch für die Jagd. Doch Jagdgesetz und Jagdverordnung erlauben Praktiken, die der Tierschutzgesetzgebung zuwiderlaufen. Beispiele sind die Baujagd mit Hunden und die Treibjagd. In einzelnen Bereichen wie der Beizjagd mit Vögeln wird das Jagdgesetz gar über den Tierschutz gestellt, was sachlich nicht zu rechtfertigen ist. Die im Jahr 2014 revidierte Jagdverordnung beseitigt nicht etwa solche Widersprüche sondern zementiert ein längst überholt geglaubtes Naturverständnis. So spricht sie von Wildschäden, wenn Grossraubtiere natürliche Beutetiere fressen.

 

Jagd auf geschützte Wildtiere

Auf Druck der Schafhalter- und Jäger hat der Bundesrat seit dem Jahr 2012 den Schutzstatus geschützter Arten wie Wolf und Luchs laufend gelockert. Nach vorheriger Zustimmung des BAFU dürfen diese Arten nun gejagt werden, wenn sie grosse Schäden an Nutztierbeständen oder hohe Einbussen bei der Nutzung der Jagdregale durch die Kantone verursachen. Dadurch werden Nutzerinteressen zum Schaden der Biodiversität höher gewichtet. Anstatt auf die Alpsömmerung an ungeeigneten Orten zu verzichten, wird argumentiert, dort sei ein wirksamer Herdenschutz nicht zumutbar. Jäger beharren auf gewohnten Abschussquoten und wollen die durch Grossraubtiere erbeuteten Tiere als Schaden geltend machen. Anfang 2015 ging ein noch weiter führender Vorschlag für die Lockerung der Schutzbestimmungen in die Vernehmlassung. Demnach soll u.a. der Abschuss von Jungwölfen möglich werden, wenn sich diese regelmässig innerhalb oder in unmittelbarer Nähe von Siedlungen aufhalten und aggressiv werden oder zu wenig Scheu zeigen. Es ist leicht auszumalen was passieren wird, wenn Laien beurteilen, was sie unter "aggressiv" oder "wenig Scheu" verstehen.

 

Schonzeiten nicht für alle Wildtiere

Jagdbare Wildtiere geniessen Schonzeiten und sind während bestimmter Perioden des Jahres vor dem jagdlichen Zugriff geschützt. Aber nicht alle! So dürfen Wildschweine, die jünger als zweijährig sind, ausserhalb des Waldes ganzjährig bejagt werden. Ebenso geniessen verwilderte Haustauben keine Schonzeit, auch nicht dann, wenn sie ihre Jungen aufziehen. Für Rabenkrähen, die in Schwärmen auftreten, gilt in schadengefährdeten landwirtschaftlichen Kulturen keine Schonzeit. Solche Regelungen sind wildbiologisch und tierschützerisch fragwürdig.

 

Tradition und Folklore als Hemmschuh

Jagd ist für die meisten Jägerinnen und Jäger eine Möglichkeit, das jagdliche Brauchtum zu pflegen und sich am Vereinsleben zu beteiligen. Eine spezielle Bekleidung, das Blasen von Jagdhörnern, das Singen von Jägerliedern, aber auch Jägerlatein und Aberglaube gehören dazu. Jagdliches Brauchtum ist nicht per se schlecht, aber es verhindert die Entwicklung der altertümlichen Jagd zu einem modernen Instrument des Wildtiermanagements.

 

Jagdliches Fehlverhalten und Vollzugsmissstände sind auch in der Schweiz nicht selten, sondern durch Beobachtungen und Zeugenaussagen gut belegt. Beispielsweise werden immer wieder führende (säugende) Sauen oder Rehgeissen geschossen. Obwohl vorgeschrieben, verzichten viele Jäger auf eine Selbstanzeige. Die Bekämpfung solcher Missstände ist umso schwieriger, als entsprechende Meldungen bei der Jagdgesellschaft oder dem Jagdschutzverein nichts fruchten und weil je nach Kanton der Vollzug des Jagdgesetzes durch die Jäger selbst erfolgt.

 

Trophäenjagd und Jagdtourismus

Die Legitimation der Jagd besteht in erster Linie darin, der Regulation unserer Wildtierbestände sowie der Förderung und Erhaltung der Biodiversität zu dienen. Das bedingt, dass zu schiessende Tiere nach Alter, Geschlecht oder Position im Sozialverband sehr sorgfältig auszuwählen sind. Dass trotzdem in der Schweiz und anderswo vor allem die Gier nach Trophäen bei vielen Jagenden ihr Jagdverhalten bestimmt, widerspricht klar den Anforderungen einer nachhaltigen Jagd. Das Verlangen nach Trophäen ist so gross, dass deswegen eine eigene Branche erfolgreich existieren kann: der Jagdtourismus. Geschätzte 2'000 Schweizer Jägerinnen und Jäger reisen jährlich in fremde Länder, um dort unter Führung und gegen gutes Geld die besten und schönsten „Stücke“ zu töten, auch mithilfe von in der Schweiz unerlaubten Methoden wie Pfeil und Bogen. Jagdtourismus ist aus Tierschutzsicht unethisch und verwerflich, schadet dem Artenschutz und fördert zudem die Korruption.

 

Jagd darf nicht gefährden

© B. Trachsel

„Die wahre moralische Prüfung der Menschheit äussert sich in der Beziehung der Menschen zu denen, die ihnen ausgeliefert sind: zu den Tieren.“ (Milan Kundera / Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)

 

 
 

Infos und Meinungen

Herwig Grimm und Carola Otterstedt (Hrsg.):

Das Tier an sich. Disziplinenübergreifende Perspektiven für neue Wege im wissenschaftsbasierten Tierschutz. Göttingen 2012.

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Tierethik - Zeitschrift zur Mensch-Tier-Beziehung

5. Jahrgang 2013/2, Heft 7

Jagd

ALTEX Edition (Hrsg.)

ISBN 978-3-95645-016-7

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Recherche des Schweizer Tierschutz STS zum Jagdtourismus

 

Eine Beurteilung der Baujagd

aus wildtierbiologischer und verhaltensbiologischer Sicht. SWILD

 

Jagdpetition

www.jagdkritik.ch

 

Jagd und Tierschutz

Position des Deutschen Tierschutzbundes e.V.

 

Stellungnahme des Schweizer Vogelschutz Birdlife zur Vogeljagd