Biologie und Verhalten
 

Steppenrenner und Marathonläufer

Das Urwildpferd oder Przewalski-Pferd, ursprünglich in der Mongolei beheimatet, ist der Vorfahre unserer domestizierten Pferde. Urwildpferde leben heute vorwiegend in Zoos, aber es gibt auch erfolgreiche Auswilderungsprogramme im Gobi B-Reservat. Pferde sind an extreme Witterungsbedingungen mit grossen Temperaturschwankungen angepasste Steppentiere. Auch nach 6'000 Jahren Haltung als Haustiere sind sie ausgesprochene Flucht- und Bewegungstiere geblieben.

 

Familienplanung im Frühling

Die Rossigkeit markiert bei Pferdestuten die Paarungbereitschaft. Sie tritt vermehrt in den Frühlings- und Sommermonaten auf, und ein solcher Zyklus dauert etwa 3 Wochen. Der Hengst hält sich in dieser Zeit stets bei der Stute auf und paart sich in der Mitte der Rossigkeit mehrmals täglich mit ihr. Die ganze Gruppe wird durch die sexuellen Aktivitäten in Trab gehalten, Nebenbuhler werden vom Hengst heftig vertrieben oder angegriffen.

 

11 Monate oder ca. 340 Tage dauert bei Pferden die Tragzeit. Für die Geburt des Fohlens, welche meist in den frühen Morgenstunden stattfindet, sondert sich die Stute von der Gruppe ab. Fohlen stehen und saugen innerhalb etwa einer Stunde nach Geburt. Mutter und Kind begeben sich innert Stunden wieder in den Schutz der Gruppe. Pferdefohlen werden bis kurz vor Geburt des nächsten Geschwisters gesäugt.

 

Bewegung ist fast alles

Unter natürlichen Bedingungen sind Pferde rund drei Viertel des Tages in Bewegung. Hauptaktivitäten sind dabei das Grasen bzw. die Nahrungssuche und -aufnahme, aber auch Wanderungen zur Wasserstelle oder in neue Weidegebiete. Soziale Spiele heranwachsender Tiere oder Rennspiele bei Fohlen gehören ebenfalls dazu. Die Paarungsvorspiele sind meist von ausgedehnten “Jagden” begleitet. Pferde bewegen sich natürlicherweise im Schritt , Trab oder Galopp.

 

Fressen, Trinken, Ausscheiden

Die Nahrungsaufnahme, die natürlicherweise in der Fortbewegung geschieht, ist die Hauptaktivität im Tagesablauf von Pferden. Als reine Pflanzenfresser besitzen sie einen relativ kleinen Magen, aber einen langen Dickdarm, um die pflanzliche Nahrung aufschliessen zu können. Pferde besitzen einen Blinddarm, sind keine Wiederkäuer und können nicht erbrechen. Die Wasseraufnahme erfolgt täglich und es können 30 – 45 l getrunken werden.

 

Anders als weidende Kühe suchen Pferde zum Harnen und Koten bestimmte Stellen auf. Dies tun vor allem männliche Tiere, welche durch Harn- und Kotabgabe Anwesenheit demonstrieren oder auch Territoriumsgrenzen markieren. Der Vorgang ist wie ein Ritual, man beriecht die Haufen oder Pfützen, tritt darüber und lässt laufen. Dunghaufen können eine ansehnliche Grösse erreichen und werden so zu eigentlichen Geländemarken. Das Ausscheidungsverhalten ist eine wichtige Komponente im Sozialverband.

 

Sozial und sicher

Pferde besitzen eine hoch entwickelte soziale Organisation und innerhalb der Gruppen bestehen enge Beziehungen zwischen den Individuen. Das Leben in der Gruppe bedeutet für ein steppenbewohnendes Beutetier wie das Pferd in erster Linie Sicherheit und Geborgenheit. Die Herden bestehen aus hierarchisch organisierten Mutter-Familien mit Stuten, deren Fohlen und weiteren nicht erwachsenen Nachkommen beider Geschlechter. Daneben gibt es Junggesellengruppen, in denen vom Hengst aus der Mutterfamilie vertriebene entwöhnte männliche Tieren leben.

 

Eine dominante, erfahrene Leit-Stute führt die Mutterfamilie und bestimmt deren Aktivitäten. Mutterfamilien werden von einem erwachsenen Hengst begleitet, vor Feinden beschützt und gegen Nebenbuhler verteidigt. Stuten werden manchmal von gruppenfremden Hengsten entführt und das Paar bildet die Basis einer neuen Mutterfamilie.

 

Hochentwickelte Sprache

Die Lebensweise der Pferde erfordert in allen Lebenslagen eine intensive Verständigung untereinander. Entsprechend vielfältig sind die dafür eingesetzten Verhaltensmuster. Pferde “sprechen” mit dem Kopf, dem Hals, der Körperstellung, der Hinterhand, dem Schweif, durch Scharren, mittels Lautäusserungen sowie über ihre Ausscheidungen miteinander. Die Mimik ist vielfältig, Nüstern, Maul, Backen, Ohren und Augen sind daran beteiligt. Das heisst auch, dass die naturgemäss neugierigen und aufmerksamen Pferde auch sehr gute Beobachter sind. Sie erkennen mögliche Angriffe von Artgenossen oder Abwehrgesten wie Buckeln oder Ausschlagen bereits im Ansatz, was sie vor ernsthaften Verletzungen schützt.

 

Ruhen und Schlafen

Ruhe- und Schlafphasen unterbrechen rund um die Uhr die Hauptaktivität der Nahrunsgaufnahme. Pferde können im Stehen ruhen, zur richtigen Erholung ist aber auch regelmässig oder alle paar Tage ein paar Stunden Tiefschlaf nötig. Dazu liegen sie in Seitenlage mit ausgestreckten Beinen und abgelegtem Kopf. Klima- und Raumfaktoren bestimmen Phasen und Örtlichkeit.

 

Ruhen ist ein Gemeinschaftsverhalten, die Tiere stehen antiparallel zusammen und wedeln sich gegenseitig mit dem Schweif die Insekten vom Leib. Selten liegen alle Gruppenmitglieder gleichzeitig.

 

Körperflege

So genanntes Komfortverhalten dient nicht nur dem individuellen Wohlbefinden, sondern erhält und festigt auch soziale Beziehungen. Pferde schütteln sich, scheuern sich an Bäumen oder Zaunpfosten, reiben den Kopf an geeigneten Strukturen oder Artgenossen, kratzen sich mit den Hinterhufen am Bauch oder hinter den Ohren oder Beknabbern sich an Brust, seitlichem Bauch und Beinen. Gegenseitiges Beknabbern an Hals und Schulter ist vor allem bei Fohlen und Jungtieren typisch, wobei die Zähne des Oberkiefers wie ein Striegel eingesetzt werden. Das Wälzen an eigens dafür ausgesuchten trockenen Stellen hilft, sich lästige Parasiten vom Leib zu halten und dient vermutlich auch dem Gruppenzusammenhalt.

 

Trotz Rassenvielfalt ganz Pferd

Zwei Pferde beim Weiden
© B. Trachsel
 

Die Familie der Equiden

 
© G. Trachsel

Das Urwildpferd oder Przewalski-Pferd war in der Mongolei heimisch und ist ausgestorben. Zur Zeit läuft ein auch vom Zürcher Tierschutz unterstütztes Auswilderungsprogramm von in Tierparks aufgezogenen Tieren.

 
Zwei Steppenzebras
© B. Trachsel

Steppenzebras sind die bekanntesten Zebras und kommen in mehreren Unterarten vor.

 
Seitliches Portrait eines Berg-Zebras
© B. Trachsel

Bergzebras leben im südlichsten Teil Afrikas (Kapregion). Sie haben eine Wamme am Hals und sind auf der Kruppe deutlich quergestreift.

 
Grevyzebras im Zoo
© B. Trachsel

Grévyzebras unterscheiden sich in der Grösse, der Streifung, der Ohrenform und am weissen Bauch von den Steppenzebras. Zudem ähnelt ihre Sozialstruktur jener der Esel.

 
Zwei Somali-Wildesel
© R. Lichtenstein

Der Afrikanische Wildesel ist die Stammform unserer Hausesel. Er ist vermutlich ausgestorben.

 
Asiatischer Wildesel mit Jungtier
© B. Trachsel

Asiatische Wildesel werden auch Halbesel genannt, weil sie auch pferdeähnliche Merkmale aufweisen.

 
Gruppe von Kiangs im Zoo
© B. Trachsel

Der Kiang ist vermutlich eine eigene Art aus der Pferdefamilie.

 

Weitere Infos zum Pferdeverhalten:

Verhaltenskunde für wissbegierige Reiter und Reiterinnen gibt’s hier