Biologie und Verhalten
 

Überlebenskünstler und Höhlenbewohner

Mit den Hasen zusammen gehören unsere Kaninchen zwar zur Familie der Hasenartigen, stammen jedoch vom Europäischen Wildkaninchen ab. Sie sind, wie oft fälschlich bezeichnet, keine Nagetiere. In allen Kontinenten verbreitet, bevorzugen Kaninchen als Lebensraum offenes Gelände mit leicht begrabbarem Boden. Dort legen sie unterirdische Baue an, die ihnen als Rückzugsorte bei Gefahr und “Wohnung” dienen. Als Gruppentiere leben Kaninchen in hierarchisch organisierten, reviertreuen Familien. Familien wiederum schliessen sich zu Kolonien zusammen. Sie sind reine Vegetarier.

 

Fast immer in Paarungsstimmung

Die Paarungszeit ist beim Kaninchen nicht saisonal bedingt, richtet sich aber bei natürlicher Haltung nach äusseren Faktoren wie Klima oder Nahrungsangebot. Bereits mit 3 – 4 Monaten sind Kaninchen geschlechtsreif. Die Tragzeit beträgt 30 Tage und die 4 – 10 Jungen sind bei Geburt blind und haarlos. Für die Geburt der Jungen baut die Zibbe (=Weibchen) eine gut gepolsterte Nesthöhle, welche sie durch Verstopfen mit Nistmaterial vor dem Eindringen der Artgenossen schützt. Nur einmal pro 24 Stunden werden die Jungen gesäugt. Nach etwa 10 Tagen öffnen Kaninchenbabies die Augen. Kaninchen können 8 – 12 Jahre alt werden.

 

Bewegung gehört zu den wichtigsten Bedürfnissen von Kaninchen. Meist hoppeln sie, so auch bei der Nahrungssuche oder beim Erkunden der Umgebung. Als Fluchttiere müssen sie auch rennen, springen oder Haken schlagen. Graben wiederum ist für sie als Höhlenbewohner, die natürlicherweise ihre weit verzweigten Röhrensyteme selber bauen, unverzichtbar. Kaninchen sind zwar keine Kletterer, aber sie nutzen den Raum auch vertikal und springen auf erhöhte Strukturen, um Überblick zu gewinnen. Das ständige sich Aufrichten gehört auch zum natürlichen Verhaltensrepertoire und dient u.a. der Feindvermeidung.

 

Fressen, Trinken, Ausscheiden

Als ursprüngliche Steppenbewohner fressen Kaninchen grob strukturiertes Futter. Dazu gehören Gräser und Kräuter, aber mit Vorliebe auch Baumrinde, Zweige und Blätter. Auch Äste werden genutzt, wobei diese weniger als Nahrung, sondern zur Abnutzung der lebenslang nachwachsenden Zähne geknabbert werden. Der Kot besteht aus kleinen Kügelchen. Diese werden nach dem erstmaligen Ausscheiden zur Gewinnung von Vitamin B wieder gefressen, was somit dem natürlichen Verhalten entspricht. Kot wird auch zum Markieren von Reviergrenzen abgesetzt.

 

Das natürliche Bedürfnis nach Sozialkontakt ist bei allen Kaninchen sehr ausgeprägt und es gibt entsprechend viele soziale Verhaltensweisen. Sozialverhalten dient der Fortpflanzung, der Bildung und Erhaltung der Familie und ihrer sozialen Hierarchie, dem Erwachsenwerden, schafft Nähe oder Distanz und auch Abgrenzung gegen andere Familien. Kaninchen beschnuppern, stupsen oder putzen sich, liegen im Körperkontakt oder fressen gemeinsam, rennen spielend herum oder liefern sich Verfolgungsjagden mit Kratzen, Beissen oder Urinbespritzen. Klopfende (mit den Hinterläufen trommelnde) Kaninchen zeigen dieses Verhalten im Interesse der Gruppe und warnen vor möglichen Feinden. Lautäusserungen gehören ebenso zum sozialen Verhaltensrepertoire wie das Markieren mit den Kinndrüsen.

 

Ruhen und Rückzug

Als potenzielle Beutetiere vieler Boden- und Luftfeinde leben Kaninchen stets in höchster Anspannung und Aufmerksamkeit. Bei Gefahr und zum Stressabbau nutzen sie ihre sicheren, schnell erreichbaren Unterschlupfe und Baue, wo sie sich periodisch erholen und ausruhen können. In unterirdischen Bauen bringen Kaninchen in den eigens dafür vorgesehenen Nestkammern auch ihre Jungen zur Welt.

 

Lesenswert

Zwei Kaninchen fressen einen Grashalm
© B. Trachsel
 
  • Kaninchen verstehen, A. McBride, ein Handbuch für die artgerechte Haltung, pala-verlag 2003, ISBN 978-3-89566-188-4